Das Rätsel der Palmblattbibliotheken

Wer wünscht sich nicht ab und an einmal, in die Zukunft sehen zu können; einen Blick nur von dem zu erhaschen, was vor ihm liegt – sein Schicksal zu kennen, um besser für die Zukunft gewappnet zu sein?

Millionen Menschen lesen tagtäglich die Horoskope diverser Tageszeitungen, Astrologen und Kartenleger(innen) bieten zumeist für teures Geld ihre Dienste feil – und sie werden nicht zu knapp in Anspruch genommen.

Jedoch bildet das Horoskop durchaus nicht die einzige Variante der Zukunftsschau. Es gibt noch andere Möglichkeiten, deren wohl vollkommenste und auch spektakulärste ausschließlich in Indien praktiziert wird: in den geheimnisumwobenen Palmblattbibliotheken, welche über den gesamten Subkontinent verstreut sind. Insgesamt 7 Hauptbibliotheken und mehrere Palmblattbibliotheken mit Abschriften aus diesen Hauptbibliotheken gibt es in Indien, aber auch in Sri Lanka. Die Urschriften der dort archivierten Palmblätter wurden von einer Gruppe mythologisch anmutender Gestalten, den Rishis, verfaßt, die vor 7000 Jahren gelebt haben sollen und deren bekannteste wohl eine Wesenheit namens Brighu war.

Von Brighu und den Taten der Rishis berichten uns die indischen Veden. Den darin beschriebenen „sieben Heiligen Rishis“ wurde eine ganz außerordentlich große spirituelle Macht nachgerühmt. So war es ihnen unter anderem möglich, in der Akasha-Chronik – im Abendland wohl eher als „Weltgedächtnis“ bekannt – zu lesen; das heißt, sie konnten sich in einer (spirituellen) Position außerhalb dessen befinden, was wir unter Raum und Zeit verstehen, das bedeutet, dieses Kontinuum in seiner Gesamtheit also von außen betrachten.

Der Überlieferung zufolge nutzten Brighu und seine Gefährten ihre spirituellen Fähigkeiten unter anderem dazu, aus der Akasha-Chronik die Lebensläufe von mehreren Millionen Menschen zu lesen und schriftlich auf den getrockneten Blättern der Stechpalme zu fixieren. Das gesamte Leben dieser Menschen, von der Geburt bis zum Zeitpunkt ihres Todes, wurde auf den Palmblättern in Alt-Tamil, einer Sprache, die heutzutage nur von wenigen Eingeweihten beherrscht wird, bzw. in Sanskrit in eng geschriebenen Zeichen eingeritzt. Ein solches Palmblatt überdauert im Normalfall etwa 500 bis 800 Jahre. Wenn es alt und brüchig geworden ist, fertigt man eine Abschrift des Textes auf einem neuen Palmblatt an.

Jeder, der erfahren möchte, was das Schicksal für ihn bereithält, muß sich jedoch selbst nach Indien in eine der Palmblattbibliotheken bemühen.

Ich erfuhr 1993 von diesen rätselhaften Bibliotheken durch die Fernsehsendung „Phantastische Phänomene“. Ich wollte es genau wissen und machte mich mit meinem damaligen Freund, Thomas Ritter, an die Vorbereitung einer Reise nach Indien – dem Land der Märchen und Wunder, der Geheimnisse und ungelösten Rätsel. Waren die Berichte über die Palmblattbibliotheken auch nur Märchen aus Tausendundeiner Nacht des Orients, oder würde uns vor Ort ein kleines Wunder erwarten?

Am 14. August 1993 schließlich kämpften wir uns mit einer Motorrikscha durch das morgendliche Gewühl im Straßendschungel von Madras und erreichten nach einstündiger Fahrt die in East Tambaram, einem Vorort von Madras, gelegene Palmblattbibliothek. Der Palmblattleser R. V. Ramani bat uns herein. Sein Nadi-Reading (so nennt man das Lesen des Palmblattes) dauerte etwa 50 Minuten. Die Palmblattbibliothek von Mr. Ramani führt ihrem Ursprung auf den Rishi Kakabujandra zurück.

Basis des Nadi-Readings ist die Lehre vom Shuka-Nadi. Diese Lehre beruht auf der Wahrnehmung von Vergangenheit und Zukunft jenseits unseres herkömmlichen Raum-Zeit-Begriffes. Darauf aufbauend, soll das Shuka-Nadi eine lebensberatende Funktion ausfüllen, das heißt, es soll helfen, die eigentliche Bestimmung seiner derzeitigen Inkarnation zu finden.

In der Palmblattbibliothek von Mr. Ramani gibt der Ratsuchende zunächst seinen vollständigen Namen und sein Geburtsdatum an. Das Orakelhafte der Zeremonie beginnt spätestens in dem Augenblick, in dem der Besucher neun polierte Muscheln (gleich einem Würfelspiel) über einem Mandala werfen muß, das in einen kleinen Teppich gestickt ist. Danach sucht der Nadi-Reader die im Zentrum des Mandalas liegenden Muscheln heraus. Ihre Zahl, verbunden mit den bereits genannten Daten, bildet die Information für das Auffinden des persönlichen Palmblattes unter Tausenden und Abertausenden von Palmblattmanuskripten. Mr. Ramani schaffte es in ca. 5 Minuten, „mein“ Palmblatt herauszusuchen. Das Nadi-Reading für Einheimische läuft etwas anders ab. Mr. Ramani liest den Anwesenden vom Palmblatt in einer Art Sprechgesang vor, wobei er den Inhalt der Texte aus dem Alt-Tamil in die heutige lokale Umgangssprache überträgt. Wir stellten fest, daß sich Mr. Ramani während dieser Zeremonie in eine Art Trance versetzte.

Für uns Ausländer allerdings übersetzt Mr. Ramani den Text lediglich ins Englische und trägt dies vor. Leider verstand ich zu diesem Zeitpunkt kein Wort Englisch, so daß ich mich auf die Übersetzung von Thomas verlassen habe. Zuerst wurden Fakten aus der Vergangenheit genannt. Dies waren überaus exakte Informationen und genaue Daten (beispielsweise das Datum jenes Tages, an dem ich Thomas kennengelernt hatte), teilweise sogar aus früheren Inkarnationen (!). Nachdem ich diese Angaben weitgehend bestätigen konnte, berichtete er von meiner Zukunft.

Das Nadi-Reading bei Mr. Ramani war kostenlos, es wurde nur um eine Spende für Arme gebeten. Mr. Ramani sagte, daß er das Nadi-Reading als heiligen Auftrag sieht und deshalb kein Geld für sich persönlich nimmt.

Nach der Zeremonie war ich von der Echtheit des Nadi-Readings zumindest in diesem Fall überzeugt. Doch genügte das als Beweis? Es gab nur einen Beweis – die Palmblätter selbst. Und so wagte ich das Unmögliche und bat den Nadi-Reader um meine Palmblätter.

Und das Unglaubliche geschah. Mr. Ramani öffnete erneut die zu Bündeln zusammengeschnürten Palmblattmanuskripte, entnahm ihnen jene Palmblätter, welche mein Schicksal betrafen, und übergab sie mir.

Deren Übersetzung gestaltete sich jedoch in Europa bei weitem langwieriger und komplizierter als angenommen – dennoch wurde mir im Ergebnis mitgeteilt, daß es sich bei den Manuskripten in der Tat um meinen persönlichen Lebenslauf handelt, in denen mein Name und andere personenbezogene Daten enthalten sind, und die den Verlauf meines Lebens detailliert beschreiben.

Ferner ließ ich unabhängig von den Ergebnissen der Übersetzung eine Altersbestimmung der Palmblätter mittels einer C-14-Analyse vornehmen. Diese Analyse ergab, daß die untersuchten Palmblätter älter als 350 Jahre sind.

Um den Wahrheitsgehalt des Nadi-Readings zu überprüfen, suchten Thomas und ich eine weitere Palmblattbibliothek in Bangalore, im indischen Bundesstaat Karnataka auf. Dabei stellten wir fest, daß der Inhaber der Palmblattbibliothek, Mr. Gunjur Sachidananda Murthy, nach einem strengen Terminplan arbeitet. So war es uns damals trotz mehrmaliger Anfragen nicht möglich, einen Termin für ein Nadi-Reading zu erhalten, da der Kalender von Mr. Sachidananda bereits vollständig ausgebucht war. In diesem Zusammenhang erscheint besonders erwähnenswert, daß die Palmblattbibliothek in Bangalore stärker von Personen aus Europa und Fernost frequentiert wird, weniger von Indern. Dies ist jedoch kein Maßstab für die Qualität der abgehaltenen Readings, wie wir auf unserer 2. Indienreise im Juli 1995 erfahren durften.

Das Palmblatt wird in Bangalore nach seinem Auffinden ebenso dem Ratsuchenden vorgelesen, wie dies in Madras geschieht. Nähere Informationen zur Lesung in Bangalore erhalten Sie in unserem Kapitel: Informationen zur Palmblattbibliothek. Die Texte unserer Palmblätter in den Bibliotheken von Madras und Bangalore stimmten in ihren Aussagen nicht nur überein, sondern korrespondierten vielmehr miteinander, in dem Sinn, daß die Aussagen des Nadi-Readings in Bangalore jene von Madras ergänzten und umgekehrt.

Die Palmblattbibliothek von Bangalore befindet sich schon geraume Zeit im Besitz der Familie Sachidananda, soll in Ihrem Ursprung jedoch auf den Rishi Baghawan Sri Shuka Maharshi, einen Gefährten Brighus, zurückgehen. Die Tätigkeit des Nadi – Readers übte in den letzten Jahrzehnten zunächst der Vater Mr. Sachidanandas aus, nach dessen Tod sein älterer Bruder, der allerdings bereits im Alter von nur 39 Jahren verstarb und nunmehr Gunjur Sachidananda selbst.

Selbstverständlich bat ich auch in dieser Bibliothek um Palmblätter, leider aber ohne Erfolg. Uns wurde beschieden, daß es nicht üblich sei, Besuchern „ihre“ ganz persönlichen Palmblätter zu überreichen. Diese Praxis ist dadurch bedingt, daß die Palmblätter eines Bündels in der Bibliothek von Bangalore fortlaufend beschrieben sind, so daß sich die Lebensläufe der Klienten auf zwei, drei oder mehr Palmblätter verteilen. So blieben mir nur einige Fotos der Palmblätter. Diese Palmblätter von Bangalore wurden letztmalig vor etwa achtzig Jahren kopiert und sind in Sanskrit verfaßt.

Auf unserer 2. Indienreise im Juli 1995 suchten wir auch noch die weniger bekannte Palmblattbibliothek von Mr. Balasubramaniam in Kanchipuram auf. Der Meister selbst weilte zwar nicht in der Stadt, seine Assistenten aber wußten nicht nur von der interessanten Geschichte der Palmblattbibliotheken zu berichten, sondern waren auch bereit ein Nadi-Reading für uns abzuhalten. Nähere Informationen zur Lesung in Kanchipuram erhalten Sie in unserem Kapitel: Informationen zur Palmblattbibliothek.

Die Palmblattbibliothek von Kanchipuram gehört wohl zu den ältesten ihrer Art und wird traditionell geführt. Die künftigen Nadi-Reader leben und arbeiten wie Familienmitglieder im Hause des Meisters und werden von diesem im Lauf von 10 Jahren in der Kunst des Nadi-Readings unterwiesen. Fühlt der Meister seinen Tod nahen, so bestimmt er einen Nachfolger, welcher dann die Leitung der Bibliothek und die weitere Ausbildung der übrigen Schüler übernimmt.

Siddharta, unser Nadi-Reader, berichtete, daß er schon mehr als ein Dutzend Jahre bei Mr. Balasubramaniam lebt. Seit acht Jahren praktizierte er das Lesen der Palmblätter selbst, anfangs noch im Beisein und unter Anleitung des Meisters, inzwischen arbeitet er selbständig. Dennoch ist die Interpretation der alten Texte ein ständiger Lernprozess, nicht nur für den Ratsuchenden, der hier Auskunft über sein Schicksal erhält, sondern auch für den Nadi-Reader, der seine Fähigkeiten von Reading zu Reading ständig vervollkommnet, um die Meisterschaft und damit auch Moksha (Erlösung) erlangen zu können.

Die Kunst des Nadi-Readings ist wohl bereits seit Jahrtausenden fest in die Hindu-Religion integriert. So waren die Palmblätter in Kanchipuram, welche Auskunft über unser Schicksal gaben, ca. 700 Jahre alt. Die Bibliothek selbst soll ein noch höheres Alter haben. Eine genaue Jahreszahl erfuhren wir nicht, jedoch versicherte man uns, die Bibliothek sei mindestens so alt wie der Vishnu geweihte Vaikunthanatha-Tempel in Kanchipuram. Dieser Tempel wurde bereits um das Jahr 700 n. Chr. fertiggestellt.

Als Zentrum der Kunst des Shuka-Nadi galt ursprünglich die alte Stadt Trichy. Dort soll auch der erleuchtete Rishi Agasthya, welcher auch als Bringer der tamilischen Sprache gilt, mittels einer eigens dafür geschaffenen Schriftsprache die Urtexte jener Palmblätter angefertigt haben, deren Kopien in Kanchipuram für die Ratsuchenden bereitliegen. Das Nadi-Reading in Kanchipuram wird in der Tradition des Shuka-Nadi von Trichy abgehalten. Siddharta versicherte mir, daß heute in der Bibliothek die Lebensläufe von etwa 500.000 Menschen aufbewahrt werden.

Auch die Aussagen der Palmblätter in Kanchipuram waren sehr exakt und stimmten mit denen aus Madras und Bangalore überein, wobei natürlich nicht eine buchstäbliche, sondern sinngemäße Identität gemeint ist.

Nun sind inzwischen seit meinem ersten Besuch der Palmblattbibliothek in Madras viele Jahre verstrichen und inzwischen habe ich noch einige Palmblattbibliotheken aufgesucht. Interessant war für mich vor allem der Aspekt, die 7 Hauptbibliotheken miteinander zu vergleichen. Jede dieser Hauptbibliotheken soll mit Texten je eines Richis bestückt sein. Bei den Lesungen stellte ich fest, dass die Schwerpunkte der Aussagen bei der Palmblattbibliothek andere Gewichtigkeiten haben. So sind die Bibliotheken des Rishis Agasthya mehr auf Aussagen über materielle Themen und der Karmaauflösungen ausgerichtet, die des Rishis Maharshi dagegen sind stärker auf die Lebensaufgabe fixiert.

Meine weiteren Erfahrungen mit den Palmblattbibliotheken können Sie in meinem Buch „Wege des Schicksals – Phänomen Palmblattbibliotheken“ nachlesen!